| Eine Reise zu den Toten |
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Eine Woche lang besuchte eine Jugendgruppe der Kirchengemeinde Neunkirchen unter Leitung von Jugendreferentin Ulrike Zuda-Tietjen und Jugendleiter Oliver Ludwig das Konzentrationslager Auschwitz, um den Holocaust besser zu verstehen![]() Von SZ-Redakteurin Maria Wimmer (c) Saarbrücker Zeitung Zuerst hat Moritz gedacht, dass der See vor ihm ein Löschteich ist. Doch der 16-Jährige ist in Auschwitz – und dort ist nichts, wie es scheint. Die Führerin, die von allen „guide“ genannt wird, klärt die Jugendlichen auf. In dem See schwimmt die Asche von Menschen. Verbrannt in Krematorien, vor über 60 Jahren. Die weißen Splitter am Rande des Sees sind Knochenreste. Daneben blüht eine saftige, grüne Wiese. Auch sie ist ein Friedhof, genährt durch menschliche Asche. Eine Woche lang haben elf Jugendliche aus der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen ihre Ferien in der Gedenkstätte Auschwitz verbracht. Sie haben die beiden Lager besichtigt, mit einem Zeitzeugen gesprochen und die Latrinen einer Baracke von Staub und Kieselsteinen befreit. Nach und nach erzählen die Jungen, zwischen 14 und 18 Jahre alt, von ihren Eindrücken. Schrecklich, schlimm, anstrengend, furchtbar und unvorstellbar ist das, was sie gesehen und gehört haben. Aber auch eindrucksvoll. Es hat sie spürbar reifer gemacht.
Alle sind schockiert von den Bildern der Nationalausstellung im Stammlager (Auschwitz I). „Auf Vorher-Nachher-Bildern sieht man zuerst fröhliche Menschen auf Hochzeits- und Familienfotos, und dann, wie sie nach dem KZ abgemagert sind. Das war heftig, fast zu viel“, sagt Nicolas Lehmann (16). Erschreckend auch die Stapel von Haaren, Prothesen, Schuhen und Brillen. Die Jugendlichen besichtigen die Überreste von Baracken und Gaskammern, machen Fotos von den Bahngleisen und natürlich von der berüchtigten Rampe, auf der über Leben und Tod der Gefangenen entschieden wurde. „Man hatte das Gefühl, dass man über Blut geht“, sagt Tobias Renneißen (15) mit leiser Stimme. „Es ist einfach schrecklich, zu wissen, dass dort, wo man steht, so viele Menschen erschossen wurden oder einfach umgefallen sind“, fügt Nicolas hinzu.
Sehr stark beeindruckt hat die Jungen das Ausmaß des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, das sich drei Kilometer entfernt vom Stammlager befindet und rund 25 Mal so groß ist. „Das hat meine Vorstellung übertroffen, weil es so riesig ist. Dass dort eine Million Menschen ermordet wurde, ist erschreckend“, sagt Alexander Dumser, der gerade erst 14 geworden ist. Er ist der Jüngste der Gruppe und wollte diese Chance unbedingt nutzen – womöglich die letzte, um einen Zeitzeugen zu treffen.
![]() Mit diesem Wunsch ist er nicht allein – die Jungen fragen Jugendleiter Oliver Ludwig, der bereits drei Reisen nach Auschwitz organisiert hat. Ludwig lässt sich überreden – dieses Mal soll es allerdings die letzte Reise sein. „Es ist viel intensiver, wenn man eine Woche da ist und nicht nur ein paar Stunden – allerdings auch anstrengender“, sagt Ludwig. Schon am zweiten Tag trifft die Gruppe den 1917 geborenen Zeitzeugen Wilhelm Brasse, der als Fotograf des Arztes Josef Mengele („Todesengel von Auschwitz“) eingesetzt wurde. Ruhig und sachlich erzählt Brasse drei Stunden lang, wie er überlebt hat – er musste die Menschen fotografieren, an denen Mengele Experimente verübte. Seine Bilder sind in Auschwitz ausgestellt. Eines dieser Fotos zeigt drei bis auf die Knochen abgemagerte Mädchen – für die Jugendlichen eines der schlimmsten. Es fällt ihnen schwer, das Erzählte zu begreifen, sich dieses Schreckliche vorzustellen. Nach dem Krieg wollte Brasse einen Freund besuchen – doch dieser war längst tot. „Obwohl das so lange her ist, war er den Tränen nahe. Das war sehr bewegend“, sagt Alexander. Er wollte wissen, wie Weihnachten gefeiert wurde. Die SS, berichtet Brasse, habe abgemagerte Leichen unter den Weihnachtsbaum gelegt. Brasse beeindruckt die Jungen. Weil er keinen Hass auf die Deutschen empfindet. Weil er immer weiter gemacht und seinen Lebensmut nicht verloren hat. Seinen Beruf als Fotograf übt Brasse nach dem Krieg nicht mehr aus. „Immer, wenn er durch das Objektiv schaute, hat er tote Menschen gesehen“, sagt Ludwig. Nach einer halben Woche fährt die Gruppe zur Stadtbesichtigung nach Krakau – „das war der Hammer“, findet Nicolas. Für die Jugendlichen die Chance, ein wenig Abstand zu gewinnen und den Kopf freizukriegen. Und auch um zu sehen, dass Polen nicht nur Auschwitz ist, meint Ludwig. Jeden Abend treffen sich die Jungen nach dem Essen in der Begegnungsstätte, tauschen sich aus. „Es ist wichtig, dass man nicht immer dran denkt und dass sich die Gruppe kennt. Man konnte sich alles von der Seele reden“, sagt Tobias Renneißen. Für den Tag vor der Abreise haben die Jugendlichen einen Arbeitseinsatz organisiert – sie kehren Staub und Steine aus der Latrine einer Frauenbaracke. Es gibt ihnen das gute Gefühl, zum Erhalt beizutragen. „Wenn dort nichts gemacht wird, zerfällt die Anlage. Diese Arbeit war wichtig“, sagt Johannes Morsch (18).
Nach einer Woche sind die Jungen dennoch froh, diesen erschreckenden Ort wieder zu verlassen. „Man denkt, man härtet mit der Zeit ab, aber das Gegenteil ist der Fall“, sagt Tobias Renneißen. „Es geht auf die Seele, das alles zu sehen“, meint Tobias Willian (17). Dennoch ist er froh, dort gewesen zu sein. „Weil es viel eindrucksvoller ist als in Filmen.“ Er habe jetzt ein anderes Bild von Geschichte, mein Thomas Becker (16). Damit haben sie den meisten ihrer Klassenkollegen etwas voraus. „Viele wissen gar nicht, was Auschwitz ist“, sagt Alexander. Manche würden sogar Witze reißen. „Da höre ich jetzt ganz anders hin“, sagt Moritz Müller. |